Die Diskussion um Plagiate bekannter Designklassiker ist aktueller denn je. Mittlerweile tummeln sich zahlreiche Anbieter sogenannter „in Italien hergestellter Bauhaus-Möbel“ in Form von Online-Shops im Internet. Meistgeliebte Schnäppchen sind Klassiker wie Barcelona Chair, Eames-Lounge Chair oder die bekannte Wagenfeld-Leuchte. Manch einer fragt sich dann, wieso man Originale erwerben soll, wenn es dasselbe anderswo viel günstiger zu kaufen gibt. Die vermeindlichen Schnäppchenjäger wissen dann oft nicht, dass sie sich unter Umständen strafbar machen und oft nur minderwertige Ware erhalten.
Auch der bekannte Möbelhersteller Vitra sieht sich mit dieser Thematik konfrontiert. Vitra stellt seit 1957 unter anderem die bekannten Möbel von Charles & Ray Eames und George Nelson her. Selecteddesign sprach mit Gabriella Gianoli, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit bei Vitra, über dieses Thema.
selecteddesign: Wie unterscheidet sich ein Original von einem Objekt, welches als Plagiat günstiger produziert wurde? Wie rechtfertigt sich der Preisunterschied?
Gianoli: Die Objekte unterscheiden sich in qualitativer Hinsicht meist deutlich, auch wenn der Qualitätsunterschied in machen Fällen von einem Laien auf den ersten Blick nicht unbedingt zu erkennen ist, insbesondere bei Online-Angeboten. Die Plagiate, bei denen es sich heutzutage immer häufiger um Billigimporte aus asiatischer Produktion handelt, werden in der Regel den sehr hohen Ansprüchen an das verwendete Material und die Verarbeitung, die von Unternehmen wie Vitra an die Herstellung der Originale gestellt werden, nicht gerecht.
Weitere Unterschiede finden sich insbesondere im Service und auch in der Nachhaltigkeit. Vitra z.B. bietet für den Alu Chair eine Garantie von 30 Jahren an und die Ersatzteile für die Produkte sind lange erhältlich. So können Originale meist noch nach längerer Zeit repariert werden, wenn einzelne Teile kaputt gehen. Demgegenüber bieten die Plagiatsanbieter in der Regel keinerlei Garantieleistungen an. Sogar gesetzliche Gewährleistungsansprüche bei defekter Ware oder Ware minderer Qualität lassen sich oftmals nur schwer durchsetzen, da die Plagiate zumeist auf ständig wechselnden Websites und zum Teil sogar unter einem ständig wechselnden Firmennamen angeboten werden. Oftmals lassen sich auf den diversen Websites - die in der Regel von Italien oder Grossbritannien aus betrieben werden - sogar nicht einmal ein Firmenname geschweige denn irgendwelche zuverlässigen Kontaktdaten finden, so dass das dahinterstehende Unternehmen nur schwer oder sogar gar nicht mehr auszumachen ist.
Darüber hinaus verfügt ein Original in der Regel über einen Wiederverkaufswert, der je nach Objekt mit der Zeit sogar höher sein kann als der ursprüngliche Kaufpreis, was bei nicht autorisierten Kopien nicht der Fall ist. Bei nicht autorisierten Kopien kann der Wiederverkauf - je nach Rechtsordnung - sogar gesetzlich verboten sein.
Schliesslich steht der Hersteller des Originals mit seinem Unternehmen bzw. mit seinem Namen für die Authentizität des Produktes ein. Dadurch entstehen ihm auch Kosten, denn er verhält sich rechtlich korrekt und erstattet die Lizenzgebühren, die der Autor für seine geistige Leistung erhält.
Eames Plastic Chair von Vitra
selecteddesign: Was unternimmt Vitra, um die Herstellung der Plagiate zu unterbinden? Was wurde bereits erreicht?
Gianoli: Alle Hersteller von Originalen - auch Vitra - versuchen, oft auch in Zusammenarbeit mit den betroffenen Verbänden, die Hersteller von Plagiaten und Kopien zu bekämpfen. Je nach Land und seiner Rechtsordnung bzw. Rechtsprechung ist dies einfacher oder schwerer durchzusetzen. Kommt es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung, müssen die Hersteller bzw. die Anbieter nicht autorisierter Kopien - zumindest in der Mehrzahl der europäischen Länder - neben einem Unterlassungsgebot mit der Verpflichtung zu empfindlichen Schadensersatzzahlungen sowie der Anordnung der Vernichtung der sich auf Lager befindenden Kopien rechnen. Wirkungsvolle Massnahmen im Kampf gegen die Produktpiraterie sind beispielsweise auch Messe- und Zollbeschlagnahmungen.
selecteddesign: Wo werden die Möbel von Vitra hergestellt?
Gianoli: Die Möbel von Vitra werden nicht bei Kopisten hergestellt. Gerade beim Alu Chair wird dies oft behauptet. Der Alu Chair wird ausschliesslich in den eigenen Betriebsstätten in Weil am Rhein hergestellt. Gerade weil eine Garantie von 30 Jahren auf diesem Stuhl gewährleistet wird, ist es wichtig, die Qualität der Produktion und der eingesetzten Materialien jederzeit überprüfen und steuern zu können. Selbstverständlich werden nicht alle Einzelteile, nicht jede einzelne Schraube, von Vitra hergestellt. Dies ist heute bei keinem Produkt mehr der Fall.
Eames Lounge Chair von Vitra
Eames Alu Chair von Vitra
selecteddesign: Was muss beim Möbelkauf beachtet werden? Auf welche Punkte müssen aus Ihrer Sicht im Onlinekauf geachtet werden?
Beim Möbelkauf ist der Einkauf beim autorisierten Fachhändler eine Garantie für den Kauf eines Originales. Heute sind die Produkte in der Regel gekennzeichnet und es ist klar erkennbar, ob ein Produkt von Vitra hergestellt wurde oder nicht.
Beim Onlinekauf ist die Sachlage etwas schwieriger, da hier auch sehr viele Secondhand Objekte angeboten werden. Auf den Fotos ist es oft schwer zu erkennen, ob es sich beim
Objekt um ein Plagiat handelt oder um ein Original. Es gibt jedoch heute einige seriöse Online-Händlerplattformen wie z.B. Markanto oder Cairo in Deutschland, die Originale auf dem Internet anbieten. Bei Cairo handelt es sich um einen Zusammenschluss von Fachhändlern.
Beim Online Kauf von Vintageobjekten ist es jedoch äusserst schwierig zu beurteilen ob das angebotene Objekt ein Original ist und eine persönliche Begutachtung des jeweiligen Möbelstücks in der Regel unerlässlich.
Panton Chair Junior von Vitra
Rolf Fehlbaum, Chairman von Vitra, sagt folgendes zu der Thematik:
In der bildenden Kunst ist klar, was mit dem Begriff Original und Kopie gemeint ist.
In der Designlogik ist die Reproduktion Teil des Konzeptes. Die am meisten verbreitete Missdeutung des Begriffs Original im Designbereich ist, ihn den Exemplaren eines Entwurfs aus der Anfangszeit seiner Produktion vorzuenthalten. Nach dieser Auffassung wäre ein Corbusier Sessel von 1928 oder ein Plywood Stuhl von Charles & Ray Eames aus der Produktion von 1946 ein Original, während die entsprechenden Modelle aus heutiger Produktion Kopien wären, unabhängig davon, wer sie herstellt. Diese Auffassung wird von den Kopisten vertreten. Sie geben zu, dass sie die Originale kopieren, behaupten aber, dass auch die Hersteller, die als rechtmässige Vertreter des klassischen Designs auftreten nichts anderes tun würden; die „Originale“, die Modelle aus der Anfangszeit der Produktion, stünden in Museen und bei Sammlern, nicht aber in den Möbelgeschäften, die mit diesen Herstellern arbeiten. Diese Argumentation dient der Irreführung.
Exemplare aus der ersten Produktionszeit sind von Sammlern begehrte Vintage-Objekte. Sie sind selten, wertvoll und stellen den ersten Ausdruck einer neuen Idee dar. Diese Vintage-Möbel sind Originale, aber der heute vom rechtmässigen Hersteller produziert Entwurf ist ebenfalls ein Original. Weshalb? Design ist auf die Lösung konkreter Probleme ausgerichtet. Die Produkte der Anfangszeit stellen den ersten Lösungsansatz dar. Fast immer erweisen sich in der Praxis einzelne Aspekte des Entwurfs als verbesserungswürdig. Charles & Ray Eames haben zeitlebens an der Weiterentwicklung ihrer Entwürfe gearbeitet. Da werden Dimensionen, Materialien, Einzelteile wie Gleiter usw. geändert, weil eine bessere Lösung gefunden wurde. Aus dieser Sicht ist das Produkt aus der Anfangszeit ehrwürdig, aber überholt. Der Begriff Original hat daher nichts mit dem Produktionszeitpunkt zu tun. Voraussetzung für den Status als Original ist vielmehr die Beziehung zwischen dem Designer (bzw. seinen Nachfahren) und dem Hersteller der Produkte. Sie hat eine rechtliche und eine ideelle Komponente: Um von einem Original sprechen zu können, muss dem Hersteller vom Designer das Recht zur Produktion übertragen worden sein. Jeder, der einen Entwurf ohne diese rechtliche Basis produziert, bedient sich bei fremdem Eigentum. Das gilt nicht nur für den Produzenten, es gilt auch für den Konsumenten, der das Produkt kauft.
Ebenso wichtig ist die ideelle Beziehung zwischen Hersteller und Designer. Sie drückt sich aus in der engen Zusammenarbeit bei allen Produktionsfragen. Der Kopist hat diese Beziehung nicht: Es bleibt ungewiss, wie stark die Kopie von der Originalidee abweicht, sei es aus Unkenntnis, aus Schlamperei oder aus Gründen der Kostenersparnis.
Rolf Fehlbaum
Weitere Infos über Vitra: www.vitra.com
Interview, Renzo Cicillini